Vortrag von Elke Dittmer
Mitglied im Vorstand des DAISY-Consortiums
Vorsitzende der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e.
V.
Bevor auf das Projekt DAISY eingegangen werden kann, vorab der Versuch, die Begriffe analog und digital zu erläutern:
Ein analoges Tonsignal ist ein elektrisches Signal, das sich ständig entsprechend der Tonsignalquelle ändert. Ein Mikrophon ist ein Beispiel für eine analoge Tonsignalquelle. Der am Mikrophon entstehende Luftschall, z. B. durch Sprache, wird umgewandelt in ein elektrisches Signal, dessen Frequenzbereich dem Tonbereich entspricht. Im Lautsprecher findet das umgekehrte Verfahren statt: das elektrische analoge Tonsignal wird in hörbaren Schall (Luftschallschwingungen) umgewandelt.
Digitaler Ton ist die Darstellung eines analogen Tonsignals mittels eines Computers. Computer bearbeiten Daten in Form von Bytes. Ein Byte ist die kleinste Informationseinheit und besteht aus 8 Bits, das heißt 8 elementaren Speicherplätzen. Ein Bit hat den Wert 0 oder 1. Zusammen können diese 8 Bits benutzt werden, um bis zu 256 alphanumerische Zeichen zu verschlüsseln.
Unter Verwendung entsprechender Elektronik (Analog-Digital-Wandler) kann die Amplitude ( = größter Wert z. B. bei Schallschwingungen) des analogen Tonsignals in regelmäßigen Abständen in eine Zahl umgewandelt und im Computer in einem oder mehreren Bytes gespeichert werden.
Der umgekehrte Prozess ermöglicht die Ausgabe der gespeicherten Daten in analoge Tonsignale (Digital-Analog-Wandler).
DAISY ist die Abkürzung für Digital Accessible Information System. Das Ziel des Projektes ist die Entwicklung des zukünftigen Blindenbuches, das in seiner Endfassung ein multimediales Buch sein soll, das heißt, je nach technischer Voraussetzung und eigenen Möglichkeiten, ist es nur oder eine Kombination aus Hörbuch, elektronischem Buch und Blindenschriftbuch.
Die digitale Bücherei ist in aller Munde, und die Blindenbüchereien bilden dabei keine Ausnahme und können sogar eine Vorreiterrolle einnehmen, weil sie den Umgang mit verschiedenen Medien kennen. Bisher fand und findet noch immer die Umsetzung eines gedruckten Buches in ein gedrucktes Blindenschriftbuch oder in ein Hörbuch statt. Diese Umsetzung ist sehr zeitaufwendig und sehr kostenintensiv. Die blinden Büchereibenutzer sind stets benachteiligt gegenüber Sehenden, da die Informationen deutlich später für sie nutzbar sind und nur ein kleiner Teil der gedruckten Bücher in blindengerechte Medien umgesetzt werden.
Blickt man zurück, so gab es immer wieder Neuerungen, die auch den Blindenbüchereialltag veränderten: Das Blindenschriftbuch konnte zuerst nur per mechanischer Punktschriftschreibmaschine hergestellt werden, danach ermöglichte der Druck per Zinkplatte erstmalig die Herstellung mehrerer Kopien und durch den Computer konnte die Herstellung über Scanner, Übersetzungsprogramm und Schnelldrucker noch weiter beschleunigt und flexibler gestaltet werden. Trotz aller Neuerungen existieren nach wie vor alle Herstellungsverfahren parallel, da jede Produktionsart Vor- und Nachteile hat.
Das Hörbuch hat das Blindenschriftbuch nicht ersetzt, sondern ist als zweites Medium für die blinden Benutzer ein großer Schritt zu mehr Information und hat Benutzer, die der Blindenschrift nicht mächtig sind, den Zugang zur Literatur ermöglicht. Das Hörbuchmedium Tonband wurde im Laufe der Zeit durch die Compact-Cassette abgelöst. Das Tonband diente in den Büchereien 50 Jahre als Aufnahmemedium.
Diese eben beschriebenen Entwicklungen im Bereich des Blindenbuches haben sich in einem Zeitraum von 100 Jahren ereignet. Mittlerweile scheint die technische Entwicklung ein wesentlich schnelleres Tempo zu haben, vor allem im Computerbereich. Eben dieser Computer hat das Arbeitsleben und mittlerweile auch das Privatleben verändert und für Blinde auch neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Natürlich nutzt nicht jeder den Computer, Internet und Co., und diese Technik wird das gedruckte Buch allen Unkenrufen zum Trotz nicht so schnell ersetzen. Im Gegenteil - der Computer ist eine Ergänzung zu den bisherigen Medien und wird nicht ausschließlich, sondern neben anderen Möglichkeiten ergänzend oder alternativ genutzt.
Die vielen Veränderungen im Alltags- und Arbeitsleben machen vor den Blindenbüchereien nicht Halt, und wir fragen uns natürlich auch: Wie sieht unsere Zukunft aus? Werden wir dann überhaupt noch gebraucht? Oder gibt es in absehbarer Zukunft weder Blinde noch andere Behinderungen noch Krankheit, sondern ewige Jugend dank perfekter Medizin? Einem Bericht der WHO (World Health Organization) zufolge gibt es weltweit 160 Millionen Blinde und hochgradig Sehbehinderte, und diese Zahl wird sich in den nächsten 25 Jahren verdoppeln. Die Zahl derer, die im höheren Alter erblinden, wird in den Industrienationen überproportional zunehmen, da der Mensch ein höheres Durchschnittsalter erreichen wird.
Darüberhinaus stellt sich die grundsätzliche Frage, warum es den Service Hörbücher in Deutschland nur für Sehbehinderte gibt und nicht für andere Menschen, die aufgrund anderer körperlicher Behinderungen oder Erkrankungen nicht lesen können oder durch eine Leseschwäche den Zugang zur Literatur nicht finden.
Diesen Anforderungen gerecht zu werden und die Zukunft in die Hand zu nehmen, ist natürlich gerade in Zeiten knapper finanzieller Mittel sehr schwierig, und daher ist es notwendig, die Last auf viele Schultern zu verteilen, mit anderen Blindenbüchereien zu kooperieren und an "einem Strang zu ziehen".
Die Notwendigkeit, "über den Zaun zu sehen" und die Interessen der Blindenbüchereien gemeinsam auch nach außen zu vertreten, hat 1977 zur Einrichtung einer eigenen Sektion der Blindenbüchereien in der IFLA geführt (Internationaler Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen). Diese Sektion hat heute 74 Mitglieder. Deutsches Mitglied wurde 1996 die Arbeitsgemeinschaft der Blindenhörbüchereien e. V. - heute ist es die Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V. In der alljährlich stattfindenden Sitzung werden Diskussionen zu den Themen Urheberrecht, Blindensendungen, Produktionsprobleme und auch Zukunft der Blindenbüchereien geführt.
Nach der Sitzung zum Thema "Die nächste Generation von Hörbüchern", die im April 1995 in Toronto stattfand, ergriff der damalige Vorsitzende der Sektion, Hiroshi Kawamura (Japan), die Initiative, um einen internationalen Standard für die nächste Hörbuchgeneration zu erreichen, denn die Anwesenden sahen dies als eine Aufgabe der IFLA-Sektion der Blindenbüchereien an.
Unabhängig von der Diskussion auf internationalem Parkett hat die schwedische Blindenbücherei bereits 1992 konkrete Schritte unternommen, den Weg vom analogen zum digitalen Hörbuch zu planen und zum Teil zu realisieren. Es wurde eine erste Version des Computerprogramms DAISY für das Betriebssystem DOS entwickelt.
Es wurde 1995 festgelegt, dass das erste Etappenziel August 1997 zur IFLA-Sitzung in Kopenhagen erreicht sein sollte, das hieß bis dahin sollten die Wünsche der Büchereibenutzer, der Büchereien als Produzenten von Hörbüchern und die technischen Realisierungsmöglichkeiten ergründet werden. Diese Frist basierte auf der Tatsache, dass mehrere Blindenhörbüchereien 1997 zu entscheiden hatten, wie das zukünftige digitale Archivierungs- und Produktionssystem aussehen sollte.
Einige Gründe, warum überhaupt über eine neue Hörbuchgeneration nachgedacht werden musste waren:
Das Tonband, das als Aufnahmemedium genutzt wurde, wurde zunehmend teurer und verschwand allmählich vom Markt, da sich die Compact-Cassette und andere Medien durchgesetzt haben.
Die Cassette wurde ebenfalls zunehmend vom Markt genommen, da sich die Musik-CD durchgesetzt hatte und der Musikmarkt bereits weitgehend auf die Herstellung von Musik-Cassetten verzichtete.
Aus diesem Grund würde es in Zukunft auch für den Hörer schwierig werden, ein Cassettenabspielgerät zu einem erschwinglichen Preis zu kaufen.
Der Umstieg auf ein neues, digitales Medium erweitert die Nutzungsmöglichkeiten.
Die neuen Technologien können nicht gestoppt werden, daher sollten die Vorteile genutzt und neue Möglichkeiten für die Hörbüchereien gesucht werden.
Welche Wünsche hat der Hörbüchereinutzer?
Die Bedürfnisse und Wünsche des Hörers zusammenzustellen, hatte sich die EBU (Europäische Blindenunion) zur Aufgabe gemacht.
Eine Arbeitsgruppe hatte zahlreiche Punkte zusammengetragen:
Die Vorteile der Compact-Cassette musste das neue Medium ebenfalls bieten:
Die EBU-Arbeitsgruppe hatte die Zielgruppe der Hörbuchnutzer bewusst erweitert. Eine Ausweitung der Hörbuchnutzer hat Vorteile für die Benutzer und für die Büchereien, und da die Büchereien staatliche Zuschüsse erhalten, ist eine Ausweitung auch politisch vorteilhaft (in Deutschland scheitert dies noch am Urheberrecht).
Dies sind nur die wichtigsten Punkte, die die EBU-Arbeitsgruppe zusammengetragen hatte. Es wird deutlich, dass es sich um ein großes Projekt, in dem es um Software und Hardware geht, handelt. Nach Expertenmeinung gab es kein fertiges Produkt, das die Bedingungen erfüllte, und daher war es notwendig, dieses herstellen zu lassen.
Um diesen geforderten gemeinsamen Standard auf allen Ebenen zu erreichen, ist eine internationale Zusammenarbeit erforderlich, nicht zuletzt wegen der hohen Kosten, die mit der Entwicklung verbunden sind. Es ist für eine einzelne Bücherei nicht möglich, ein derartiges Projekt selbst zu finanzieren, zu entwickeln und zu testen. Leider war nicht zu erwarten, dass eine Firma die Initiative ergreifen würde und in die Entwicklungskosten investiert, um ein verkaufbares Produkt herzustellen, denn die Zahl der möglichen Abnehmer ist so klein wie die Anzahl der Blindenbüchereien weltweit.
Auf Einladung der schwedischen Blindenbücherei haben 6 Büchereien 1996 das DAISY-Consortium gegründet.
Heute sind es 60 Mitgliedseinrichtungen weltweit im Verein DAISY, der seinen Sitz in der Schweiz hat.
Gelder wurden und werden benötigt, um die professionelle Software für das Produzieren von digitalen Blindenmedien zu finanzieren.
DAISY besteht aus mehreren Komponenten. Neben der Software ist die Hardware die zweite Komponente: Geräte, die computerunabhängig das Abhören der digitalen Büchern für den Hörer ermöglichen.
Ein Abspielgerät für digitale Hörbücher wurde 1998 von der japanischen Firma Plextor, die zum Konzern Shinanokenshi gehört, auf eigene Kosten entwickelt und in einem weltweiten Feldversuch den Blindenbüchereien und deren Benutzern vorgestellt. Ein zweites Modell (Victor) entwickelte die kanadische Firma Visuaide.
Herr Kawamura (Vorstandsmitglied, Japan) schreibt über diese Phase (freie Übersetzung):
"Ich habe sowohl die Software DAISY als auch das Abspielgerät für digitale Hörbücher PLEXTALK analysiert und habe mich entschieden, den Vorschlag zu machen, dass eine Kooperation beider sinnvoll wäre, um DAISY zu einem offenen internationalen Standard zu entwickeln. Zuerst habe ich Plextor und Shinanokenshi gebeten, das DAISY-System zu prüfen und ihr eigenes Konzept zu verwerfen, um einen internationalen Standard mit DAISY zu erreichen. Bis dahin hatte Plextor ein eigenes System entwickelt, das vom Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt in Japan zwei Jahre zuvor erbeten wurde, und es war nicht leicht für sie, auf DAISY umzusteigen, weil keiner Firma erlaubt werden kann, ein Monopol auf DAISY zu haben.
Das bedeutet, dass jede Entwicklungsarbeit im Rahmen von DAISY von anderen kopiert werden kann. Glücklicherweise konnten sich Plextor und Shinanokenshi dazu entschließen, auf DAISY umzusteigen und ihr eigenes System zu verwerfen. Wir können sehr froh darüber sein, mit einer so erfolgreichen Firma zusammenzuarbeiten. Ich glaube, dass es ihre Absicht ist, als Firma ein positives Zeichen für die Gesellschaft zu setzen.
Ich sollte auch auf die Tatsache hinweisen, dass Shinanokenshi zum 60. Firmenjubiläum eine Bücherei gestiftet hat und 1997 feiert die Firma ihr 80. Jubiläum. Selbstverständlich habe ich als Regierungsbeamter die Firmen nicht gefragt, ob sie eine Spende für DAISY erbringen wollen, aber ich habe sie gebeten einen Prototyp als Abspielgerät für den Weltfeldtest zu entwickeln und dieses vertraglich verinbart mit der japanischen Regierung.
Gemeinsam mit einigen Blindenbüchereien, der Softwarefirma, die DAISY (Labyrinten) entwickelt hat, der Firma Shinanokenshi, der World Blind Union und anderen wurde beschlossen, ein Consortium zu gründen. Die schwedische Bücherei hat daraufhin andere Blindenbüchereien angeschrieben und um Mitarbeit gebeten.
Gleichzeitig hat das japanische Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt vorgeschlagen, dass ich einen weltweiten Feldversuch organisieren soll, um die Bedürfnisse der Benutzer bezüglich DAISY und Plextalk zu ergründen.
Das Geld für den weltweiten Feldversuch der Plextalkgeräte wurde von der japanischen Regierung sofort genehmigt, obwohl das DAISY-Consortium noch nicht gegründet war. Ich musste also schnell reagieren, um die Firma Shinanokenshi mit Informationen über die Benutzerwünsche zu versorgen. Diese Firma ist momentan der einzige Lieferant eines Prototyps, und dies ist ein großes Entgegenkommen. Eine schnelle Rückmeldung der Benutzerwünsche war daher notwendig.
Ich glaube, dass der weltweite Feldversuch die Entwicklung des gesamten DAISY-Systems vorantreiben wird (verschiedene sprachliche Varianten, wichtige Funktionen, Fehlerkorrektur, OTARI DP33-Entwicklung usw.) Am wichtigsten ist das Wecken des Bewusstseins für diese Problematik beim Endbenutzer. Der Test findet in 30 Ländern statt und erfordert technische Unterstützung durch Shinanokenshi. Die Firma ist daran interessiert, ein offenes System zu entwickeln, um weitere Firmen für den DAISY-Standard zu interessieren. Sie strebten also kein Monopol an, hatten aber selbstverständlich ein legitimes kommerzielles Interesse."
Das Projekt DAISY ist ein weltweites Forschungs- und Entwicklungsprojekt, an dem sich Blindenbibliotheken aus vielen Ländern beteiligen. Darüber hinaus ist die Kooperation mit den Firmen eine positive Entwicklung, weil sie aufgrund ihrer Marktpräsens Zeichen setzen können, um DAISY als internationalen Standard für Hörbücher zu etablieren. Die Anerkennung des Formates durch die Firma Microsoft im Jahr 2000 ist ein Meilenstein auf dem Weg zum digitalen Blindenbuch der Zukunft.
DAISY-CD-Produktion
Unser Tonstudio
Nachbearbeitung am Computer
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8 bis 16 Uhr, Freitag 8 bis 13 Uhr
© Stiftung Centralbibliothek für Blinde und Norddeutsche Blindenhörbücherei e. V.